07.03.2007 · Journal

Architektur und Kontext

Architektur und Kontext

Was nehmen wir an einem bestimmten Ort wahr? Bei der Wahrnehmung eines physischen Gegenstandes spielen unsere Erfahrungen, die wir mit vergleichbaren Objekten gemacht haben, eine entscheidende Rolle. Gewisse Elemente darin sind empirischer Art und entsprechend darstellbar; andere bleiben dem Gespür überantwortet und meist unausgesprochen. Das Bild eines Ortes ist ein vielschichtiges Gewebe von Beziehungen. Für die sinnliche Wahrnehmung sind Vorkenntnisse über den Ort nicht wichtig. Man spürt Formen, Proportionen, räumliche Verknüpfungen, Materialbeschaffenheiten, Oberflächen, Farben, aber auch Atmosphären, Gerüche und Geräusche. Dies alles hat aber vielmehr mit der eigenen Kultur als mit der Kultur des Ortes zu tun. Für die strukturelle Wahrnehmung sind gewisse Vorkenntnisse der Kultur des Ortes notwendig. Auszumachen sind Gebäudetypologien, Konstruktionen, Bautechniken, aber auch spezifische Lebensweisen. Nebst eigenem Wissen und Vorkenntnissen sind auch Informationen direkt aus dem Ort notwendig. Die virtuelle Wahrnehmung ist ein Mix aus den zwei beschriebenen Ebenen. Ihre Absicht ist es, künftige Realitäten zu definieren und diese ins Kalkül einer zu treffenden Wahl einzubeziehen. Den Ausgangspunkt dafür bilden nicht Tatsachen-, sondern Erkenntnisfragen, die immer mit Fragen der Tendenz und der Entscheidung gekoppelt sind. Eine Forschung am Ort ohne Rücksicht auf absehbare Tendenzen wäre ein Tatbestand ohne Bezug zur gegenwärtigen Zeit und ihren Problemen. Erst durch einen solchen Bezug entsteht eine neue Wirklichkeit; und aus Vorhandenem wird Idee. Wann stellt sich die Frage nach Regeln, nach Kriterien? Wir sind beim Diskurs. In unserer Geschichte haben sich die Menschen in unsicheren Zeiten zumeist nach einem geschützten, überschaubaren Raum in der Natur gesehnt. Heute ist es anders. Viele Menschen zieht es – weltweit – von den peripheren Lagen in die Zentren. Das ist die eine Beobachtung. Die zweite ist, dass viele derjenigen, die zurückbleiben, das Bestehen kultureller Vielfalt oftmals unreflektiert betrachten und ihr Verschwinden ungerührt mit ansehen. Die Überschaubarkeit des geschützten Raumes bleibt aufgrund zunehmender Uniformität auf der Strecke, Unsicherheit macht sich zusehends breit. Hier stellt sich die Frage nach der Art des zu führenden Diskurses und nach den Partizipanten an diesem. Die Auseinandersetzung sollte zunächst ein politischer Lernprozess unter den Betroffenen sein, der ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsam getragene Entscheidung bringt. Sie muss darüber hinaus fördernd wirken auf das Umweltbewusstsein, auf das Verantwortungsgefühl, auf die Kompetenz und das Wissen in architektonischen und baulichen Fragen. Wenn alle Betroffenen sich konkret mit der Problematik befassen, so wird daraus ein breites Verständnis für den eigenen kulturellen Raum erwachsen.

 

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