Tendenzen im Raum der Alpen

Ein Gespräch

mit Markus Schermer über zukünftige Tendenzen im landwirtschaftlichen und natürlichen Raum der Alpen

Interviewführer: Martin Mutschlechner, Alexa Baumgartner

Interviewpartner:
Markus Schermer schloss 1983 das Diplomstudium der Agrarökonomie an der Universität für Bodenkultur in Wien ab. Von 1984 – 1999 war er in Entwicklungszusammenarbeit, Landwirtschaftsberatung und Raumplanung außeruniversitär tätig. Seit 1999 ist er an der Universität Innsbruck tätig, wo er 2004 am Institut für Soziologie seine Dissertation abschloss. 2008 folgte die Habilitation in Soziologie. Von 2008-2010 war er als Institutsleiter am Institut für Soziologie tätig, seit Herbst 2010 fungiert er als Studienbeauftragter und stellvertretender Institutsleiter. Zudem war er ab 2005 bis 2008 Leiter des Forschungszentrums Berglandwirtschaft und ist seither stellvertretender Leiter.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen in folgenden Bereichen:
• Gesellschaftliche Entwicklungen in Lebensmittelproduktion und -konsum
• Territoriale Ansätze der Regionalentwicklung
• Wandel der Kulturlandschaft im Berggebiet
• Stellung von Bäuerinnen und Bauern in der Gesellschaft

Der ausschlaggebende Grund des Gesprächs mit Markus Schermer ist ein aktuelles Projekt im Büro Lanz + Mutschlechner Stadtlabor, bei welchem mögliche Entwicklungskonzepte und verbindende Nutzungsformen für ein Grundstück in Tirol entwickelt werden sollen. Gesucht werden alternative und sinnvolle Ideen, sowie Zufälligkeiten, welche sich anderorts entwickelt und bewährt haben. Auf dem Grundstück befinden sich derzeit eine landwirtschaftliche Einrichtung, eine touristische Einrichtung mit Nächtigungsmöglichkeit und landwirtschaftliches Grün. Im Gespräch mit Markus Schermer sollen vor allem Ideen im Bereich der Landwirtschaft besprochen werden, die zufällig entstanden sind und mit Erfolg auch heute noch bestehen oder noch nicht in die Praxis umgesetzt worden sind.

Laut Schermer entsteht das Problem einerseits in der separierten Betrachtungsweise des Örtlichen Raumordnungskonezptes (ÖROK), da Nutzungen – wie z.B. touristische oder landwirtschaftliche Nutzungen nie überlagert, sondern getrennt zugewiesenen werden. Daher entstehen auch keine „Nutzungskonflikte“, die zu neuen und alternativen Ideen anregen könnten.

*Verweis von MM: Ein Beispiel findet man in San Francisco, wo ein Grundstück durch Vermarktung im Internet zum Verkauf oder Vermietung angeboten wurden. Es gibt aber auch Beispiele für Lodges oder Studentensiedlungen in der Natur.

Der Ballungsraum Innsbruck geht heute weit über die Stadt hinaus, auch bis nach Leutasch. Einerseits ist die Pendelfrequenz in diesem Gebiet sehr hoch und andererseits siedeln viele Menschen auf das Plateau, da Wohnungen günstiger und leistbar sind. Besonders attraktiv ist auch die Möglichkeit landwirtschaftlicher Tätigkeit nachgehen zu können, hierbei denkt Schermer an Projekte der Selbsternte, bei denen Menschen alleine, in Gruppen oder mit professioneller Unterstützung eines Bauern einen Acker bewirtschaften, ernten und die Produkte verwerten.

Auch für Bauern gibt es neue Vermarktungskonzepte und –strategien, wie z.B. das Projekt „Kuh For You“, bei welchem eine Kuh für ein halbes Jahr gemietet werden kann. Dafür genießt der Mieter seinen „eigenen“, naturbelassenen Käse, der auf dem Hof produziert wird, gewinnt Einblicke in die Landwirtschaft und das Leben einer Kuh und steht in direktem Kontakt mit dem Bauer. Der Bauernhof kann aber auch Ort und Möglichkeit in Kombination mit anderen Programmen sein, beispielsweise Altersheim am Bauernhof, wo eventuell gegebene Qualifikationen von Bewohnern des Hauses zudem genutzt werden können.

*Verweis MS: Broschüre „Unternehmerische Potenziale besser nutzen – Handbuch für erfolgreiche Diversifizierung“

Touristische Möglichkeiten sind mit dem Konzept „Ferien am Bauernhof“ laut Schermer bereits weitgehend ausgereizt, es gibt aber die Möglichkeit zusätzliche Angebote zu erarbeiten, so könnte der Gast beim Heuaufnehmen helfen, um einen tiefen Einblick in das Geschehen am Bauernhof zu erhalten. Oft ergeben sich hier aber Versicherungsprobleme für die Bauern, wodurch diese natürlich lieber die unkomplizierte, geführte Almwanderung anbieten. Ein Beispiel käme aus der Gastronomie in Salzburg, wo Gäste anhand von einem mobilen Schlachthof bei der Schlachtung von Hochlandrindern dabei sein können und eine tiergerechte Schlachtung erleben. Laut Schermer sei der Tod der schwierigste Punkt im Prozess der Lebensmittelproduktion, da er den Zwischenschritt vom lebendigen Tier zum kaufbaren Nahrungsprodukt darstellt und in vielen Menschen Unbehagen erweckt. Das Beiwohnen bei einer tiergerechten Schlachtung arbeitet damit gegen die Anonymisierung von Lebensmitteln und der Konsument kann sein Bedürfnis nach mehr Wissen und Sicherheit über die Produktion von Nahrungsprodukten stillen.

*Verweis von MM: Beispiele aus Auslandsreisen von Markus Schermer?
Das Thema der Energie oder der Nachhaltigkeit bietet sich derzeit durch die Aktualität besonders an und ein Bauernhof könnte beispielsweise auch Wasser oder andere Ressourcen vor Ort zum Thema machen.

Denkt Markus Schermer an seinen Aufenthalt in Bhutan, so spricht er von einer Spannung, die für ihn durch eine den Alpen ähnliche Landschaft, jedoch mit einer komplett anderen Kultur entsteht. Diese Spannung finden auch viele Gäste in Leutasch durch den kulturellen, landschaftlichen und landwirtschaftlichen Wechsel im Vergleich mit den jeweiligen Heimatgebieten. Dieser Kontrast bei gleichzeitigen Ähnlichkeiten erzeugt Spannung und eindeutiges Interesse in die Regionen zu reisen und müsste viel mehr in touristische Hinsicht ausgelotst und ausgeglichen werden. Der eindeutige Unterschied kann beispielsweise in der landwirtschaftlichen Nutzung und Bewirtschaftung liegen, aber auch in der Architektur und im Baustil der Region.

*Verweis von MM: Die „Piefke Saga“ oder auch Beispiele des Nachbauens von Natur, wie in Naturparks oder auch der „Ozean World“ sind Agglomerationen von traditionsgeladenen Stilen und Merkmalen.
*Verweis von MM: Man könnte doch in Anlehnung an den autobefahrbaren Zoo in Affi (IT) das Wohnen zwischen Wild in Tirol anbieten.
*Verweis von AB: Im Vergleich zu Tirol findet man Kanada tatsächliches „Wildlife“ und weitläufige Natur ohne Bebauung!

Auch das Rückbauen wird in Tirol immer mehr zum Thema, so z.B. bei der Rauthhütte in Leutasch. Hier wurde der Lift entfernt und seitdem funktioniert die Hütte durch Wander- und Skitourentourismus soweit man hört wesentlich besser.

Verweis MM: In der Therme Vals von Peter Zumthor findet man die Provisorien Zimmer, welche sehr einfach gehalten wurden. Anhand von diesem Beispiel unter vielen könnte man Natura 2000 ausrufen, indem man einen Wand um ein Stück Natur baut, wo keine Kultur bzw. kein Mensch mehr hinein kann.

Markus Schermer erinnert sich aus seiner Kindheit daran, dass es in Leutasch einen Jäger gegeben hat, der Wild mitten ins Dorf geholt hat und man die Tiere dort füttern konnte. Doch die Technisierung und Modernisierung ist in der Region von Tirol bereits zu weit fortgeschritten, demnach würde der Rückbau bzw. das Rückholen der ursprünglichen Natur einen großen Aufwand bedeuten, der in einer Region wie Leutasch nicht gerechtfertigt wäre, da sich die restliche Region komplett anders entwickelt. Vielmehr würde es zu einer Inszenierung der Natur und der Tradition führen, welche auch heute bereits für touristische Zwecke oft stattfindet.

*Verweis von MS und AB: Buch „Der große Bioschmäh“ von Clemens G. Arvay mit dem Thema der Inszenierung in der Werbung der Lebensmittelbranche. Aber auch touristische Werbungen zeigen Wunschillusionen.
*Verweis von AB: Buch „Landschaftstheorie und Landschaftspraxis“ von Olaf Kühne, in welchem die Ansammlung und Überlagerung von „schönen“ Bildern aus Internet oder Werbung beschrieben werden, durch welche wiederum eine Ausblendung der Vorort gefundenen, wahren und nicht idyllischen Natur ermöglicht wird.
*Frage von MM: Bodenqualität in Leutasch?

Durch die hohe Lage von Leutasch fällt z.B. die Ernte von Erdbeeren später als normal aus. Dadurch werden dem Markt Erdbeeren zu einem Zeitpunkt geboten, bei dem die eigentliche Erdbeer-Saison bereits zu Ende ist und gleichzeitig wird die Bildung von Aromen Bildung verstärkt. Nicht zuletzt kann dies auch hinsichtlich des Verkaufspreises interessant sein. Traditionell werden in der Gegend von Leutasch Schafe gehalten und die Fischzucht hat Tradition; beide Themen könnten zentral für ein Projekt verwendet werden.

*Verweis von AB: Schule am Bauernhof
*Verweis von MM: Einen abgrenzten Bereich von Natur mit einer Mauer umgeben und durch eine Tür in ursprüngliche Natur gelangen zu können.

Markus Schermer nennt das Projekt „intacta Ltd.“ von Brave New Alps (Bozen IT) aus dem Jahre 2006, bei dem eine Falschmeldung generiert wurde, welche über die Planung einer 5 m hohen Mauer berichtete, um die letzten Teile unberührter Natur zu retten. In Kooperation mit Partnern aus der Politik und der Tagespresse wurde die Meldung von der Bevölkerung als wahr empfunden.

*Verweis von MM: Workshop von Stadtlabor.org in Pfelders Südtirol

Ein weiteres Beispiel ist die Oberstalleralm in der Gemeinde Innervillgraten, welche ursprünglich ein altes Bergdorf mit 16 Almhütten war und unter Denkmalschutz gestellt wurde. Heute werden die Almen für touristische Zwecke als Refugium verwendet und sind ständig ausgebucht. Man gelangt nur durch einen Zustellerdienst auf die Alm und für die Warmwasseraufbereitung wurden Solaranlagen installiert. Dies zeigt aber wiederum, dass die Touristen das urigste Leben suchen und gleichzeitig auf dem Komfort des Alltags nicht verzichten möchten. Schermer beschreibt dies als die Sehnsucht nach geheimen Plätzen, die leicht erreichbar sind.

Internet und Mobiltelefone sind hier auch interessante Diskussionspunkte, da neueste Projekte von „handyfreien“ Zonen zeigen, dass Menschen als kompletten Kontrast zum stressreichen Berufsleben solche „Oasen“ suchen. Infrastruktur und Erschließung konditionieren den Menschen und machen es einer Gemeinde heutzutage unmöglich, beispielsweise bei einem Hochwasser, mehrere Tage autark sich versorgen zu können. Die Rücklagen sind nicht mehr vorhanden und auch in Wohnhäusern gibt es keine Lagerräume mehr. Wir leben in einer On-Demand-Kultur und Themen wie Nachhaltigkeit stehen eigentlich im totalen Gegensatz dazu. Ausschlaggebend wäre die Vermittlung, dass der Mensch sich als Teil der Natur fühlen soll und seinen Dominanz- und Steuerungsgedanken abgelegen muss, damit sich unkontrollierter Raum ergeben kann.

Wir bedanken uns bei Markus Schermer für das Interview.