I have a dream – Südtirol Panorama

Ein Gastkommentar von Architekt Martin Mutschlechner.

Ich träume von einem Dorf, in dem Begriffe wie „gemeinsam“ und „öffentlich“ wieder wichtig sind. Weg von der Privatisierung unseres Umfeldes, in welchem öffentliches Leben nur noch auf Restflächen oder in kommerzialisierten Räumen stattfinden kann.

Ich träume von einer Immobilienwelt, die nicht ausschließlich auf Gewinnoptimierung und Effizienz zielt. Eine Immobilienwelt für die Begriffe wie Innovation, Gemeinschaft, Menschlichkeit und Zusammenhalt eine Bedeutung haben. Eine Immobilienwelt, in der Alter, Behinderung oder Armut nicht ausgeblendet oder ausgegrenzt werden. Segregation und Ghettoisierung – so nennt man diese Trennung von Gesellschaftsgruppen – gilt als eines der größten Probleme des heutigen Städtebaues, da das soziale Milieu in dem wir aufwachsen unsere beruflichen und gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten bestimmt.

Ich träume von einer Zeit, in der alle verstanden haben, dass ein Haus – eine Wohnung nicht nur eine Wertanlage für unsere Zukunft darstellt, sondern immer häufiger eine Verschuldung über mehrere Generationen bedeutet. Oft wird nicht bedacht, dass viele der heute billig und schnell gebauten Wohnanlagen üblicherweise nach rund 30 bis 50 Jahren komplett saniert werden müssen. Selten wird uns klar, welchen Preis die Natur für unseren Wohnraum zahlen muss, wie viel Lebensraum für Flora und Fauna unwiederbringlich verloren geht.

Ich träume von einer Verwaltung, für die Nachhaltigkeit beim Wohnen nicht nur Energiebilanz bedeutet, sondern als Überbegriff für ökonomische, ökologische und soziokulturelle Maßnahmen verstanden wird. Eine Verwaltung für die das soziale und kulturelle Gefüge in unseren Wohnsiedlungen höchste Priorität hat. Selten wird bei der ökologischen Sanierung bedacht, dass etwa 30 Prozent des gesamten Energieverbrauchs eines Einfamilienhauses für die Errichtung des Rohbaus benötigt werden, dass viele Baumaterialen mehr Energie in ihrer Herstellung verbrauchen, als sie uns später einsparen helfen.
Ich träume von Planern, für die Wohnen wieder eine gewisse Selbstverständlichkeit hat, für die Planen und Bauen wieder mehr als ein Miteinander, weniger als ein Gegeneinander verstanden wird, für die Nachbarschaft als etwas Schützenswertes und nicht Ausgrenzendes gilt, für die Aussicht und Ansicht der Gebäude Allgemeingüter sind. Zu oft werden Wohnbauten geplant, die nicht auf ihre Umgebung Rücksicht nehmen und nicht im Entferntesten ihre gesellschaftliche Relevanz wiederspiegeln.

Ich träume von Bauherren, die sich zusammenschließen um gemeinsam ihren Wohnraum zu entwerfen; von Bauherren, die als Gruppe ihre Finanzierungsmodelle, ihren Planer, ihre Häuser auswählen und gemeinsam ihren Lebensraum definieren. Im derzeit herrschenden Modell der Genossenschaftsbauten sind Zuordnungen von Wohnungen und Häusern oft bis zur Fertigstellung unklar, weshalb konkrete Ansprechpartner fehlen, die sich mit dem Ort und der Aufgabe identifizieren.

Ich träume davon, dass Südtirol endlich aus seinem Dornröschenschlaf aufwacht und sich seiner besonderen Position und Situation bewusst wird. Südtirol ist eine der reichsten Regionen der Welt mit der außergewöhnlichen politischen Ausgangsposition einer Autonomie, die größtmögliche rechtliche Freiheit gewährt. Südtirol sollte dieser besonderen Position gerecht werden und versuchen neue Wege für das Wohnen einzuschlagen. Südtirol, das Land der Dörfer in den Alpen, sollte als Vorreiter das Dorf – moderner vielleicht das Quartier – des 21. Jahrhunderts entwerfen und realisieren. In diesem Dorf muss sozialer Kontakt zwischen Nachbarn wieder wichtig sein; Zwischenräume müssen eine Bedeutung für alle Bewohner haben und dürfen nicht nur Restflächen für Parkplätze und Straßen sein. Dieses Dorf ist ein fußläufiges, kompaktes Dorf mit viel Freiraum und Begegnungsflächen, in dem ein Leben ohne Auto durch den Ausbau öffentlicher Verkehrssysteme unterstützt wird und alternative Lösungen für den Individualverkehr wie z.B. Carsharing angeboten werden. In diesem Dorf sind kulturelles und soziales Leben Teil des Konzeptes, Arbeit und Produktion wieder Teil des täglichen Lebensraumes. Südtirol könnte ein Dorf bauen, das mehr Energie produziert, als es verbraucht, mit einem geschlossenen Wasserhaushalt und einer eigenen Lebensmittelproduktion. Südtirol müsste die „Schneid haben“ in Zusammenarbeit mit Bewohnern, interdisziplinären Planern und Konsulenten das Dorf des 21. Jahrhunderts zu entwerfen.