Architekturpolitik & Baukultur

Erster Österreichischer Baukulturreport

Beginnend mit dem Nationalratswahlkampf im Herbst 2002 haben sich die wesentlichen Architekturorganisationen Österreichweit zusammengeschlossen, um als unabhängige und überparteiliche „Plattform für Architektur und Baukultur“ den Dialog zwischen Architekturschaffenden und PlanerInnen einerseits, sowie den PolitikerInnen andererseits neu zu beleben. Viel zu lange hatten sich die Berufsvertretungen, Universitäten, sowie die Architekturschaffenden selbst auf ihre rein fachlichen Tätigkeitsbereiche zurückgezogen und die Kontakte mit der Parteipolitik bzw. mit politischen EntscheidungsträgerInnen auf das Notwendigste beschränkt. Architektur wurde zunehmend auf ihren technisch-ästhetischen Aspekt reduziert. Die soziale, wie gesellschaftliche Bedeutung wurde aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zunehmend verdrängt. Dies hatte zur Folge, dass mit der Zeit kompetente AnsprechpartnerInnen mit entsprechendem Problembewusstsein abhanden kamen und Baukultur in der heutigen, politischen Realität keine nennenswerte Rolle mehr spielt.

Begriffe wie „Baukultur“ oder „Architektur“ sind weder in den Programmen der politischen Parteien zu finden, noch in den diversen Ressorts der österreichischen Bundesverwaltung. Gab es bis 1987 noch ein eigenes Bautenministerium, ist heute der Rest des Bundeshochbaues in der Abteilung für „Tourismus und historische Objekte“ im Wirtschaftsministerium angesiedelt. Die Architektur- und Bauagenden sind zumeist ausgegliedert, privatisiert oder aufgrund ihrer Verteilung über fast alle Ressorts bis zur Bedeutungslosigkeit zersplittert. Oft ins kulturelle Eck gedrängt, fristet Architektur und Ressortübergreifende Planungskultur ein Schattendasein.

Dies, obwohl beispielsweise im „Ersten Österreichischen Kreativwirtschaftsbericht 2003“ die Sparte „Architektur“ als Hoffnungsträger und einer der wesentlichen Motoren der zukunftsträchtigen Kreativwirtschaft ausgewiesen wurde. Derzeit fehlen jedoch entsprechende Daten und Untersuchungen, um für diese Branche strategische bzw. fördernde Maßnahmen nachhaltig setzen zu können.

Ebenso finden die Leistungen Österreichischer Architekturschaffender höchste Anerkennung und sind im internationalen Architekturgeschehen überproportional stark vertreten. Dennoch fehlt es derzeit an Mitteln und Strukturen, um die Positionierung und den Export dieser kreativen Dienstleistungen im Ausland nachhaltig zu unterstützen.

Die geringe Verankerung von Architektur und Baukultur in Politik und Verwaltung steht in krassem Gegensatz zur Tatsache, dass Herr und Frau Österreicher den mit Abstand größten Teil ihrer finanziellen Mittel für die eigenen vier Wände investieren. Über 80% der Österreichischen Bevölkerung geben die Schaffung eines Eigenheimes bzw. qualitativ hochwertiger Wohnformen als eines ihrer wichtigsten Lebensziele an.

Und auch bei Umfragen der Tourismuswirtschaft ist „Architektur“ immer wieder unter den „Top Drei“ Faktoren zu finden, weshalb Gäste aus dem In- und Ausland gerne ihren Urlaub in Österreich verbringen. Hochwertige, zeitgenössische Baukultur und interdisziplinäre Planungskultur stellen somit wesentliche Faktoren für die touristische Zukunft unserer Städte, Dörfer sowie für die Entwicklung bzw. Erhaltung des Landschaftsbildes dar.

Es besteht daher akuter Handlungsbedarf, um diesem Stellenwert in der Österreichischen Bevölkerung, sowie der wirtschaftlichen Bedeutung auch durch eine entsprechend engagierte Architekturpolitik Rechnung zu tragen. Als erster Schritt hat die Plattform für Architektur und Baukultur die Abhaltung einer Parlamentarischen Enquete initiiert, sowie einen Maßnahmenkatalog für erste politische Umsetzungen erarbeitet.

Architektur – Bildung – Politik

Laut Forschungen der Europäischen Akademie – Bozen wird derzeit in Europa 60-70% des Volksvermögens in die gebaute Umwelt investiert. Ziel von Architekturpolitik ist die Verbesserung der architektonischen Qualität dieser Umwelt, Verbesserung durch Bildung.

Dabei kann die Universität eine großen Beitrag leisten, wenn:

Vermehrt in Architekturforschung investiert wird.
An allen Instituten neben einem Praxis orientierten wechselnden Personal eine Wissenschaft orientiertes fixes Team installiert wird.
Die Universität wieder ihrer Rolle als Produzent von „Wahrheit und Wissen“ gerecht wird und nicht marktorientierte Ausbildungsstelle für schwer vermittelbare Erwachsene ist.
Die Institute wieder mehr Rechte aber auch Pflichten bekommen und dadurch Eigenverantwortung ihrem Fach und der gesamten Universität gegenüber übernehmen.
Die freie Universität muss ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Erzeuger von Wissen, als Wissensspeicher und Wissensvermittler heute mehr denn je gerecht werden.